Auf nach Kiew! Warum wir jetzt etwas unternehmen müssen

In seinem KLARTEXT vom 23. März 2022 ruft Prof. Dr. Peter May zu einem großen Friedensmarsch nach Kiew auf.

Klartext

 

Liebe Leser:innen!

Dieser KLARTEXT richtet sich ausnahmsweise nicht nur an unsere Familienunternehmer:innen, sondern an uns alle. Denn das Thema, um das es heute geht, ist ein Thema, das uns alle angeht. Vielleicht geht es Ihnen ja wie mir: Seit Wochen tobt dieser schreckliche Krieg in der Ukraine und je länger er andauert, je größer die Zerstörungen, die Opfer und das Leid werden, desto schlechter fühle ich mich. Wenn es Ihnen ebenso ergeht, möchte ich Sie bitten, weiterzulesen. Auch wenn Sie kein:e Familienunternehmer:in sind.


Keine Frage: Putins Russland ist der Aggressor. Der militärische Überfall auf das Nachbarland ist ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht und ein schlimmes Kriegsverbrechen. Die Völkergemeinschaft hat das mit überwältigendem Votum festgestellt und die Russen zum sofortigen Rückzug und zur Beendigung des Krieges aufgefordert. Bewirkt hat das Votum nichts. Putin dreht weiter an der Eskalationsschraube und es sieht ganz so aus, als wolle er so lange weitermachen, bis das tapfere Volk der Ukrainer unterworfen und ihr Land ein Teil des Russischen Hoheitsgebietes ist.
 
Und wir? Haben wir nicht auch Schuld auf uns geladen? Haben wir die Ukrainer nicht ermuntert und eingeladen, sich unser westliches Lebensmodell zu eigen zu machen und sich um die Aufnahme in unsere politischen und militärischen Bündnisse zu bewerben? Haben wir diese Ermunterungen nicht auch dann noch fortgesetzt, als der Aggressor längst unmissverständliche Signale ausgesendet hatte, eine Verwestlichung der Ukraine niemals dulden zu wollen? Und jetzt, wo Putin Ernst macht, verweigern wir den Ukrainern den erbetenen Beistand, weil wir Angst haben, selbst in diesen Krieg hineingezogen zu werden. Juristisch ist die Sache klar: Keine NATO-Mitgliedschaft, keine Beistandspflicht. Und doch komme ich mir so vor, als säße ich in einer vollbesetzten Straßenbahn, wo alle der Vergewaltigung eines jungen Mädchens tatenlos zusehen, weil sie Angst haben, sonst selbst Opfer der Gewalt zu werden. Man kann einer solchen Situation nicht entkommen, ohne selbst beschämt zu werden. Beschämt über die eigene Feigheit und Machtlosigkeit. Ja, wir werden durch diesen Krieg beschämt und das gleich zweifach: vom Täter und vom Opfer.
 
Putin beschämt uns, weil er mit unserer Schwäche und unserer Feigheit rechnet und kühl mit ihr kalkuliert. Er weiß um die Schwäche unserer Armeen und um die ängstliche Selbstzufriedenheit unserer ichbezogenen Wohlstandskultur. Er weiß, dass wir Menschen wie Wolodymir Selenskyj, die Klitschkos oder die russische TV-Journalistin Marina Owsjannikowa zwar gerne als Helden verehren, aber niemals auf die Idee kämen, selbst Helden sein zu wollen. Er weiß, dass wir alles tun werden, um nicht Kriegspartei zu werden. Und er weiß auch, dass unsere Sanktionen dort enden, wo ihre Auswirkungen die Opferbereitschaft der Menschen im Westen in puncto Wohlstand und Lebensqualität überfordern. Ein gewaltbereiter Autokrat hat es da eindeutig leichter als ein gewählter Demokrat.
 
Noch mehr als der Aggressor aber beschämt uns das Opfer. Das ukrainische Volk und sein Präsident könnten sich unterwerfen. Sie könnten ihr Leben, ihre körperliche Unversehrtheit, ihre Häuser und ihre Fabriken schützen, wenn sie nur bereit wären, ihre Freiheit aufzugeben. Aber das tun sie nicht. Für sie, die Opfer, ist ihre Freiheit ein Gut, für das sie bereit sind, Eigentum und Wohlstand, ja sogar Leib und Leben aufs Spiel zu setzen. Und wir, die diese Freiheit seit Jahrzehnten ohne Weiteres genießen, sind nicht einmal bereit, vergleichsweise kleine Opfer zu bringen. Es ist der Mut der Ukrainer, der uns den eigenen Kleinmut so schmerzhaft vor Augen führt. Es reicht eben nicht, über Werte nur zu reden, man muss auch für sie einstehen.
 

Was wir tun können

Liebe Freunde, ich glaube, es ist Zeit, dass wir wieder mutig werden, unsere ukrainischen Freiheitsfreunde kraftvoll unterstützen und uns dem russischen Aggressor entgegenstellen. Dazu müssen wir keinen Krieg gegen Russland führen. Gewalt war immer schon die „Kapitulation des Geistes“ (Kurt Tucholsky) und Krieg kein adäquates Mittel der Konfliktlösung. Wir müssten nur bereit sein, Frieden und Freiheit dort zu verteidigen, wo sie angegriffen werden. Gewaltlos, aber unter Einsatz der eigenen Person. Demonstrationen für Frieden und Freiheit in der Ukraine beeindrucken den Aggressor nicht, solange sie im sicheren Berlin, London oder Paris stattfinden. Wie anders aber wäre es, wenn sich die Menschen des westlichen Europas plötzlich koordiniert zu einem großen Friedensmarsch in Richtung Kiew aufmachten? Wenn an den Grenzübergängen plötzlich mehr Menschen ins Land strömen als aus dem Land flüchten? Alte und Junge, Männer und Frauen, Menschen aller Nationen, Religionen und Weltanschauungen, zu Hunderttausenden vereint hinter einer klaren Botschaft: „Unsere Liebe zu Frieden und Freiheit wird sich der Gewalt nicht beugen.“ Nicht in der Ukraine und auch sonst nirgendwo.
 
Wie würde der Diktator reagieren, wenn ihm nicht der Krieg, sondern der Frieden erklärt würde? Nicht von einem Staat, sondern von den Menschen. Und nicht nur von den Menschen eines Landes, sondern von den Menschen vieler Länder? Was würden seine Soldaten tun, wenn wir nicht auf sie schießen, sondern uns ihnen einfach in den Weg stellen? Was das große russische Volk, wenn es sähe, wie kraftvoll und einheitstiftend Frieden und Freiheit sein können?
 
Deshalb appelliere ich hiermit an die großen Organisationen – egal ob sie Greenpeace, Fridays for Future oder Amnesty International heißen: Tun Sie sich zusammen und rufen Sie gemeinsam zu einem großen Friedens- und Freiheitsmarsch nach Kiew auf. Ich bin dabei. Und ich bin sicher, viele andere sind es auch. Wir brauchen nur jemanden, der das für uns organisiert.
 
Und ich appelliere an unsere europäischen Regierungschefs: Folgen Sie dem Beispiel Ihrer Kollegen aus Polen, Tschechien und Slowenien. Reisen Sie alle gemeinsam zu einer längeren Spontankonferenz zu Wolodymir Selenskyj nach Kiew und senden Sie Putin eine klare Botschaft: Wir werden Ihnen und Russland nicht den Krieg erklären. Aber wir erklären Ihnen den Frieden. Ohne Wenn und Aber. Und mit dem höchstmöglichen persönlichen Einsatz.
 
Das wäre ein historischer Akt. Dann könnten wir aufhören, uns schlecht zu fühlen, aufhören, ängstlich zu sein und endlich wieder stolz auf uns sein. Und vielleicht sogar ein neues Kapitel der Geschichte aufschlagen. In jedem Fall könnten wir sagen: Wir haben alles versucht.
 
Liebe Leser:innen! Bitte helfen Sie mir, dass diese Vision Wirklichkeit wird. Schicken Sie diese Botschaft an alle, die Sie kennen. An alle, die dazu beitragen können, dass ein solcher Marsch stattfindet. An alle, die mitmachen wollen und können. Und an alle Regierungschefs in Europa. Tun Sie es bitte schnell. Unser Haus brennt schon lichterloh. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich danke Ihnen!
 
Mit dieser Anregung bin ich für heute mit den besten Grüßen
Ihr Peter May